Am «Mount Loser» zerschellt

In meinem letzten Beitrag ging es um Durchhaltevermögen, Motivation und Überzeugung seitens der Bewerber. Diesmal geht es um Fairness und Ansehen der Arbeitgeber im Rekrutierungsprozess.

 

Nehmen wir mal an, du hast 100 Bewerbungen gekriegt. Schön für dich! Dein Inserat war offenbar ansprechend, dein Produkt ist der Hammer, deine Marke bekannt... was auch immer der Grund ist... die Freude ist gross.  Doch, natürlich - deine Freude ist riesig, was denn sonst!?

 

Sicher, Bewerbungen seriös zu sichten gibt Arbeit («u Arbeit git haut eifach z'tüe»). Und ja, die Gefahr besteht, mit der Zeit ein wenig abzustumpfen. Besonders, wenn du sonst schon überlastet bist. Doch es geht um mehr als eine Stellenbesetzung. Es geht um Resonanz. Der Bewerber merkt ganz genau, wie viel Mühe du dir beim Rekrutieren machst. Du liest schliesslich auch aus den Unterlagen heraus, wie motiviert der Bewerber ist, oder?  


Stell dir vor, Emily Elstner ist auf Stellensuche. Seit 8 Monaten. Emily ist Exportfachfrau und hat aus wirtschaftlichen Gründen ihre Stelle verloren. Der Markt ist ausgetrocknet. Sie ist 45 und war für die letzte Firma 12 Jahre lang tätig. Ihre Arbeitszeugnisse sind einwandfrei, ihre Bewerbungen jeweils fehlerfrei und firmenspezifisch abgefasst.

 

Heute erhält sie - wie jeden Tag - wieder 9 Standardabsagen mit dem Hinweis, dass andere Bewerber das Profil besser erfüllen. Die ersten 15 Firmen rief sie nach der Absage noch an, erhielt jedoch keine weitere Auskunft. Seither lässt sie das bleiben. 42 Firmen haben sich seit Wochen nicht gemeldet und werden das vermutlich auch nicht mehr tun. Kein Wunder, dass sich vor Emily der «Mount Loser» aufzutürmen beginnt.

 

Hier einige Beispiele aus Emilys Absagenkatalog: 

Sehr geehrte(r) Bewerber(in)

 

Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir Ihre Bewerbung nicht weiterverfolgen können, da Ihr Profil nicht ganz dem gewünschten Anforderungsprofil entspricht.


Im Sinne einer optimalen Stellenbesetzung sind wir bestrebt, eine möglichst grosse Übereinstimmung zwischen dem Profil des Bewerbers und den Anforderungen der Stelle zu erreichen.


Leider müssen wir Ihnen mitteilen, das wir Sie nicht in der engeren Auswahl berücksichtigen konnten und uns nun für eine andere Kandidatin entschieden haben.


 

 

 

 

Wirklich? Nicht einmal eine individuelle Anrede war Emilys Bewerbung wert?


 

 

 

 

Hm, wer hätte das gedacht?


 

  

Nach 4 Wochen Wartezeit war das ist jetzt aber mal eine hilfreiche Information...



Da erzählen wir Personaler den Führungspersonen regelmässig, wie man richtig kommuniziert und sein Team motiviert, bzw. nicht demotiviert, und dann schicken wir solche Plattitüden durch die Gegend. Ist das nicht ein ziemlicher Widerspruch?

 

Ok, wer noch immer den von Jobs.ch vorgeschlagenen Standardspruch* in seinem (sogenannten) Motivationsbrief verwendet oder nicht einmal die Anschrift ändert, muss sich über eine ebenso nichtssagende und lieblose Absage vielleicht nicht wundern.

 

Aber es geht doch ganz besonders um diejenigen, die nur knapp an einer Einladung vorbei geschrammt sind. Denn die haben sich echt bemüht und sich mit deiner Firma sowie sich selber auseinandergesetzt. Bei diesen Kandidaten scheitert es an etwas Kleinem und eine Begründung ist zwar schwierig, aber umso wichtiger. Also lass den Bewerber wissen, wie viele Bewerbungen du gekriegt hast, wie viele passende dabei waren und wo du die Prioritäten gesetzt hast. Dann weiss er, wo er steht, ohne dass er sich persönlich angegriffen fühlen muss. Vielleicht waren drei Kandidaten dabei, die in einem wesentlichen Bereich mehr Erfahrung mitbringen. Oder du hast nach einem zusätzlichen Raster aussortieren müssen - fliessende Englischkenntnisse etwa waren kein Muss-Kriterium, aber bei so vielen Bewerbungen dennoch ausschlaggebend, um in die engere Wahl zu kommen.

Konkrete Hinweise sind das Beste, was du jetzt für den Bewerber noch tun kannst. Dazu verpflichtet bist du freilich nicht - mit einer Standardabsage hast du deinen Part erledigt. Aber willst du nicht ein bisschen mehr als das? Bei den Absagen wird so massiv geschlampt, dass es gerade hier eigentlich einfach ist, gegenüber der Konkurrenz so richtig zu punkten. Denn du kannst sicher sein, dass der Bewerber seine Erlebnisse teilen wird.

 

Einverstanden, im Sinne der Effizienz kann vielleicht nicht jeder Bewerber eine individuelle Absage erhalten. Standardschreiben können ja auch wertschätzend formuliert sein. Ich habe ganz viele verschiedene Schreiben auf Lager. Damit kann ich gut differenzieren, erhalte schöne Rückmeldungen und arbeite nicht weniger effizient als mit nur 1 Vorlage (alles eine Frage der Organisation). Der Bewerber soll nach Erhalt der Absage erst recht für dich arbeiten wollen! Denn du hast sicher wieder mal eine Stelle offen und es ist ja nicht so, dass die Vertragsfreiheit nur für den Arbeitgeber gilt. Für mich hat es sich jedenfalls schon oft gelohnt, gute Dossiers mit dem Einverständnis des Kandidaten zurück zu behalten. Und übrigens: nach dem persönlichen Gespräch geht eine Absage nur noch telefonisch. Das gebietet das Gesetz der Höflichkeit. Meine Meinung.

 

3 verschiedene Standardabsagen findest du unten zur freien Verfügung. Weitere Vorlagen für Empfangsbestätigungen, Zwischenberichte und Absagen stelle ich dir gerne auf Anfrage zu. Wieso ich das tue? Ich will unbedingt verhindern, dass plötzlich ein fähiger Kandidat wegen einer dumpfen Absage zu viel am «Mount Loser» zerschellt und dass du dir dabei deinen Ruf ruinierst. Ausserdem sind alle Kandidaten potenzielle Kunden. Daran sollten wir denken, auch wenn unsere aktuelle Vakanz halt grad nicht zu diesem Bewerber passt.

 

Ich wünsche dir viel Spass und Erfolg beim Rekrutieren!

 

Deine Susanne Sommer

 

*«Meine Bewerbung interessiert Sie sicherlich, da ich in meiner bisherigen Laufbahn genau die Fähigkeiten und Erfahrungen erworben habe, die Sie suchen.»

(Persönlich kann ich ihn nicht mehr hören, diesen Satz - und ich wette, vielen anderen Rekrutierern geht es ebenso).

 

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