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Politisch korrekte Sprache ist Bullshit

Auch Frauen, Transsexuelle und Ausländer haben ein Recht auf Beleidigung

Ja, ich bin dafür, dass man niemanden beleidigt, der es sich nicht hart und ausdrücklich verdient hat. Damit wäre das Thema der politisch korrekten Sprache durchaus erledigt. Aber irgend einer will sich ja immer diskriminiert, herabgewürdigt, vernachlässigt, unverstanden, bespuckt, gebrandmarkt, übergangen, in der Unterzahl und somit benachteiligt fühlen. Ja, ich schreibe irgend einer, aber in meiner Vorstellung könnte das natürlich auch eine Frau, eine Transsexuelle oder eine Ausländerin sein. 

 

Apropos. Wozu gibt es das Wort «Ausländer» wenn wir es nicht mehr benutzen sollen? Was ist an «Mensch mit Migrationshintergrund» besser? Nichts! Es sagt nichts darüber aus, ob dieser Mensch männlich oder weiblich ist, eingebürgert, Ausländer mit Ausweis F, B, C, G oder ein Schweizer mit Eltern, die im Ausland geboren worden sind. Das BFS schreibt auf seiner Webseite: 

 

Zitat: «Zur vom BFS definierten Gruppe der «Bevölkerung mit Migrationshintergrund» gehören Personen ausländischer Staatsangehörigkeit und eingebürgerte Schweizerinnen und Schweizer – mit Ausnahme der in der Schweiz Geborenen mit Eltern, die beide in der Schweiz geboren wurden – sowie die gebürtigen Schweizerinnen und Schweizer mit Eltern, die beide im Ausland geboren wurden.» Zitat Ende.

 

Aha. In Deutschland gelten auch Deutsche, die zuerst ausgewandert und später wieder eingewandert sind, zur «Bevölkerung mit Migrationshintergrund». Die meisten von uns sind in ca. 192 Staaten der Welt Ausländer. Warum also, tun wir uns so schwer mit diesem Wort? Weil wir Angst haben, jemand könnte sich durch die Nennung einer Tatsache gekränkt fühlen. Dabei ersetzt «Bevölkerung mit Migrationshintergrund» ja nicht einmal das Wort «Ausländer». Es verwässert bloss die Sprache.

 

In der Sprache geht es darum, kurz und präzise zu sein, wenn du gelesen und gehört werden willst. Also: Schreib «Ausländerin», wenn es um eine Frau geht, die aus einem dir unbekannten Land kommt. Schreib «Texanerin», wenn sie aus Texas stammt. Schreib «transsexuelle Texanerin», wenn dieses Merkmal wichtig ist. Klar, es geht darum, nicht auf solche Merkmale reduziert zu werden. Trotzdem - du darfst sie benennen. Ob man «schwarz» noch sagen darf oder ob «farbig» politisch korrekter wäre, weiss ich übrigens nicht. Ich habe den Faden schon längst verloren. Wobei mir «farbig» doch sehr idiotisch erscheint, denn ich habe noch nie einen grünen Menschen gesehen - es sei denn, er ist so blau, dass er kurz davor ist, sich zu übergeben. Wenn du sagst «die Grosse da drüben», dann weisst du doch auch nicht, ob sie sich mit ihrer Grösse wohlfühlt. Dass sie gross ist, ist aber eine Tatsache. Worte wie schwarz, dick, Frau, Ausländer und Behinderte sind nicht böse. Höchstens der Kontext darum herum. 

 

Wieso heisst es eigentlich der Mensch? Und nicht das Mensch? Vielleicht wechselt der Duden bald auf die Mensch. Falls dies tatsächlich geschehen sollte, dann vermutlich nicht, weil die Ausländer unsere Sprache beeinflussen, sondern weil die Frauen es so wollen. Präziser gesagt die Feministinnen. Und Feministen. Gleichberechtigung. Klar. Jede/r freut sich, wenn er/sie seine/ihre Texte geschlechtsneutral verfassen darf. Liest sich ja auch ganz toll. Und wie bindet man dabei die «Divers» ein? 

 

Ich habe damals in der Grundschule gelernt, dass in der Mehrzahl von Mitarbeiter (also «die Mitarbeiter»), Frauen auch enthalten sind. Es hat mir gereicht, das zu wissen. Und das tut es auch heute noch. Weil es logisch ist. Und sich besser liest als «Mitarbeiter, Mitarbeiterinnen und Divers». Sicher, man kann sie auch «die Mitarbeitenden» nennen. Wenn man sich unbedingt die Zunge brechen will. Und spätestens im Abschnitt über den Mutterschaftsurlaub des Personalreglements werden die Mitarbeiterinnen dann doch wieder darauf bestehen, dass dieser nur für sie gilt. 

Farben, Formen und Haare sind eigentlich völlig neutral

Lebendige Sprache trifft den Nagel auf den Kopf. Wenn einer schwarz ist, warum solltest du das nicht sagen dürfen? Ich höre da nichts Negatives raus. Wenn einer dick ist, ist er dick. Wenn ein Kind mich fragt, weshalb ich eine so grosse Nase habe, warum sollte ich beleidigt sein? Es ist eine Tatsache. Und was ist eigentlich mit den Glatzköpfigen? Fühlen die sich von Friseuren diskriminiert? Definieren Farben, Formen und Haare, wer wir sind? Die an den Haaren herbeigezogene (sind die Glatzköpfigen jetzt gekränkt?), sprachlich erzwungene Gleichmacherei kann nicht über Unterschiede hinwegtäuschen. Woher kommt überhaupt dieser Wunsch? Schliesslich will doch heute jeder individuell sein und auch so behandelt werden. Dann soll er eben auch so beschrieben werden dürfen. 

 

Deshalb: Nenne die Dinge konkret beim Namen. Das gibt deinem Text mehr Bild. Damit beleidigst du noch keinen. Ob er sich hingegen beleidigt fühlt, ist wiederum ein anderes Thema. Aber nicht dein Problem. Wenn du nur Blinde und Taube und nicht Behinderte im Allgemeinen meinst, dann nenn sie doch auch Blinde und Taube. Das ist sogar viel besser. Denn inwiefern diese Merkmale eine Person tatsächlich behindern, weiss nur sie allein. 

 

Zum Thema Behinderte stiess ich auf einen herrlichen Blogeintrag von Lilly in der Diskussion mit der Überschrift «Welcher Begriff stigmatisiert Behinderte am freundlichsten»? Die Frage war, ob man «behinderter Mensch» oder «Mensch mit Behinderung» sagen sollte (im Moment ist glaube ich «Mensch mit Beeinträchtigung» am «korrektesten»). Hier ist Lillys Eintrag: 


Lilly am 24. November 2014 um 23:03

Vorab: Ich bin schwerhörig, also behindert, also darf ich schreiben, was ich will, ohne diskriminierend zu sein, oder? 

Wenn ich mich zwischen den beiden Möglichkeiten entscheiden müsste, wäre ich für «behinderter Mensch». Es ist unkomplizierter. Aber warum darf man nicht einfach «Behinderter»

sagen? Wir sagen doch auch Frau und Mann statt «weiblicher Mensch» (oder natürlich «Mensch mit Menstruationshintergrund») und «männlicher Mensch», wir sagen Kind/Jugendlicher und Erwachsener statt «minderjähriger Mensch» und «volljähriger/erwachsener Mensch». In diesen Fällen werden Menschen beschrieben, ohne das Wort «Mensch» zu erwähnen. Trotzdem fühlt sich niemand davon beleidigt.

Darauf zu bestehen, im Zusammenhang mit Behinderungen immer «Mensch» zu sagen, impliziert meiner Meinung nach, dass es erwähnt werden muss, dass auch Behinderte Menschen sind. Das sollte aber selbstverständlich sein. Natürlich gibt es immer Idioten und «behindert» wird oft als Beleidigung benutzt, trotzdem halte ich nicht viel von dieser gezwungenen politischen Korrektheit. Irgendwie finde ich, dadurch bekommen die Leute den Eindruck, eine Behinderung sei etwas, das man auf keinen Fall nebenbei erwähnen darf und über das man nicht offen reden kann, weil es ja kaum Worte gibt, die man dafür noch hernehmen darf.

Sicher, es ist alles gut gemeint, ich finde es aber wenig wirkungsvoll …

Übrigens kann ich auch mit dem Begriff «Handicap» nicht viel anfangen. Wofür dieses seltsame Wort? Und wenn man es als Adjektiv verwendet, wird es noch schlimmer. «Gehandicapt»? Das klingt doch – Entschuldigung – behindert. 

Quelle: www.grosch.co/2014/04/30/welcher-begriff-stigmatisiert-behinderte-am-freundlichsten/ 


Also: Politisch korrekte Sprache bringt uns gesellschaftlich nicht weiter. Und wenn das, was du tust oder bist, nichts mit deinen Geschlechtsteilen zu tun hat, macht es keinen Sinn, in der Sprache dauernd darauf hinzuweisen. Gleichberechtigung kann, darf und wird nicht über die Sprache geschehen. Jedes Mal, wenn ich ein Papier lese, das mehr als eine Geschlechterform nennt, möchte ich es anzünden. Aber jedes Mal schlafe ich vorher ein. 

«Menschen mit Beeinträchtigung und Menschen mit Migrationshintergrund» sind verantwortlich für das Waldsterben. Also natürlich nicht sie selber. Sondern die, die solchen Bockmist zu Papier bringen und damit genau 40 zusätzliche Buchstaben verschwenden, nur um weniger zu sagen.