Moderne Arbeitszeugnisse

 

Ein Arbeitszeugnis ist kein

Wunschkonzert und wie es formuliert ist, liegt in der Hoheit des Arbeitgebers,

solange die formalen gesetzlichen Anforderungen eingehalten sind. Ich sehe bei

deinem Zeugnis zwei Probleme:

 

1.

Die fehlenden Qualis. Was nicht

bemängelt wurde, bzw. nicht schriftlich festgehalten wurde, kann nicht bewiesen

werden. Die Beweislast für eine unterdurchschnittliche Leistungsbewertung liegt

beim Arbeitgeber. Die Beweislast für eine überdurchschnittliche Bewertung, bzw.

eine bestimmte Formulierung liegt beim Arbeitnehmer. In einem Gerichtsfall

werden bei fehlender Beweislage Zeugen befragt (andere Mitarbeitende, Kunden

etc.).

2.

Das Zeugnis ist teilweise

widersprüchlich.

 

Das Gesetz sagt: ein Zeugnis muss

wahr, klar, wohlwollend, individuell und vollständig sein. Der Grundsatz der

Wahrheit hat Vorrang vor dem Wohlwollen. Das Zeugnis darf, bzw. muss also auch

negative Punkte beinhalten, wenn diese für das Arbeitsverhältnis von Bedeutung

waren. Um Negatives anzubringen, bietet sich die Brückentechnik an: du

verpackst das Negative in die Mitte von zwei positiven Aussagen. Zusätzlich

erklärst die Rahmenbedingungen und relativierst so die Bewertung. Mit ganz

konkreten Beispielen kannst du Codierungen vermeiden und das Zeugnis wird

automatisch gut lesbar, individuell und unmissverständlich.

 

Unwahre oder unvollständige Zeugnisse

können zu Schadenersatzleistungen gegenüber einem neuen Arbeitgeber führen. In

der Praxis braucht es dazu aber einen krassen Fall.

 

So viel zur Theorie. Die Praxis

findest du im Anhang. Wenn ich dein Zeugnis lese, komme ich zum Schluss, dass

Frau Schwarzentruber eine Person ist, die ihre Arbeit mässig bis gut

verrichtet, aber eher unselbstständig ist und kaum eigene Lösungen findet. Sie

ist sicher kein Leistungsträger, aber angenehm ist in der Zusammenarbeit. Das

bringt das neue Zeugnis ebenfalls rüber, ist aber im Schnitt etwas besser.

 

Mit diesem Zeugnis findet sie eine

Stelle, bei der ein zuverlässiger Mitarbeiter gefragt ist, der tut, was ihm

gesagt wird und nicht den Anspruch hat, selber viel zu denken. Wenn man so

jemanden sucht, ist er meistens schwer zu finden, weil die meisten eben mehr

sein möchten als das.

 

Auf weitere Wünsche ihrerseits würde

ich nicht mehr eingehen – es sei denn, es handle sich um sachliche Dinge wie:

Aufgaben, die vergessen wurden, Tippfehler oder Fehler bei den persönlichen

Angaben.

 


Eine Kurzgeschichte über Arbeitszeugnisse

Einmal schrieb ich über eine Mitarbeiterin, die laut Qualifikation bei den Kunden sehr gut ankam, aber kaum je die Administration korrekt erledigte. Diese Tatsache durfte ich nicht unter den Tisch fallen lassen. Nachdem sie das Zeugnis gelesen hatte, begegneten wir uns in der Pause. Ich war bereit, einer negativen Kritik ins Auge zu sehen. Sie aber strahlte und sagte: «das hast du sehr gut getroffen - das bin wirklich ich». Heute ist sie glücklich bei ihrem neuen Arbeitgeber und befreit von jeglicher Administration.