500 Wörter pro Tag

Wenn du es selber nicht verstehst, muss es klug sein

Dass wir beim Sprechen nicht jedes Wort vorher genau abwägen, ist verständlich. Und manchmal schlimm genug. Abraham Lincoln sagte es so: «Es ist besser zu schweigen und als Idiot verdächtigt zu werden, als zu reden und dadurch alle Zweifel zu beseitigen.»

 

Deshalb liebe ich das geschriebene Wort. Da schwingt Zeit und Musse mit, die man heraushört. Hoffentlich.


«Eine Korrelation zwischen Ihrer Erkrankung und dem kommunizierten Ernährungsmuster konnte anhand der Resultate der weiterführenden, unter äusserster Sorgfalt elaborierten Nachkontrollen, welche aufgrund der auffälligen Laboranalyse praktiziert wurden, nicht validiert werden.»

 

Lese ich das von meinem Arzt, weiss ich zwei Dinge: dass ich eine Scheissangst habe und dass  Sprache offenbar nicht der Verständigung dient. 

 

Würde mir der Arzt schreiben «die Tests zeigen, dass die Krankheit nicht auf Ihre Ernährung zurückzuführen ist», dann wäre ich zwar nicht geheilt, aber ich könnte mich wenigstens weiterhin auf's Essen freuen.

 

Nebenbei bemerkt: ich bin zum Glück kerngesund - das war lediglich ein Beispiel aus einer Welt, die die meisten von uns ohnehin schon nicht verstehen. Man könnte das durchaus ändern. Man müsste es aber wollen.


Keiner zweifelt deine Fachkompetenz an, bloss weil du dich verständlich ausdrückst. Du riskierst höchstens, dass du sympathisch rüberkommst.


Wenn du nicht überzeugen kannst: verwirre!

Auf der Webseite der Post ist zu lesen:

 

«Die Weiterentwicklung des Postnetzes geschieht im intensiven Austausch mit der Bevölkerung, mit Gemeinden und Kantonen. An einer ersten Gesprächsrunde mit allen Kantonen wurden die regionalen Bedürfnisse an die Postversorgung diskutiert. Dazu zählen Faktoren wie die geografische Situation in ländlichen Gegenden, die Abstimmung mit den kantonalen Richtplänen oder auch die wirtschaftliche oder demografische Entwicklung einer Region. Bei einer zweiten Runde mit Kantonsvertretern werden die regionalen Bedürfnisse vertieft und konsolidiert. Darauf wird die Post jeweils die Eckwerte der künftigen Postversorgung pro Kanton publizieren und dadurch Transparenz und Planungssicherheit schaffen.»

 

Wieso schreibt die Post nicht einfach, dass weiterhin Poststellen abgebaut werden - in manchen Gegenden mehr, in anderen weniger - und dass die Post uns auf dem Laufenden hält? Das wäre transparent. Obschon es 18 kurze auch getan hätten, formt sie lieber 87 lange Wörter zu ausgehöhlten Sätzen.  Hauptsache, es tönt wichtig und kompliziert.  


Denke daran: Vom Imponiergehabe eines Gorillas hat sich ein Pfau noch nie bezaubern lassen. Wenn du pro Tag nur 500 Wörter benutzen dürftest, wie würdest du sie wählen?


Verben = einfach, Substantive = kompliziert

Das Beispiel der Post soll dir noch einen weiteren Gedanken mitgeben. Wann immer möglich, verwende ein Verb anstelle eines Substantivs.

  • «Wir sind überein gekommen...» statt «in gegenseitiger Übereinkunft...»
  • «Wir haben beschlossen...» statt «im Rahmen unserer Diskussion sind wir zum Schluss gekommen...»

Weg mit der Binsenwahrheit

So beginnt die Post ihren Artikel:

 

«Die Gewohnheiten der Postkunden ändern sich: Statt auf der traditionellen Filiale erledigen Kundinnen und Kunden ihre Postgeschäfte vermehrt rund um die Uhr, unterwegs mit dem Smartphone und zuhause am Computer. Darauf reagiert die Post, indem sie zunehmend auf einen Mix aus physischen und digitalen Zugangsmöglichkeiten setzt, die auf die lokalen Bedürfnisse zugeschnitten sind.»

 

Ja doch - dass unsere Gewohnheiten sich ändern, ist uns auch klar. Dass die Post darauf (richtig) reagiert: hoffentlich!

 

Zudem: ist dieser Einstieg überhaupt nötig, um den restlichen Text zu verstehen? Ich denke nicht.

 

Heute bleiben dir nicht mehr als zwei bis drei Sätze, um einen packenden Einstieg hinzuballern, bevor dem Leser die Augenlider auf's Tablet knallen. Verschwende sie also nicht.